Abhängigkeit? Das passiert mir doch nicht!

Unter dieser provokanten Aussage stand eine offene Jugendstunde am 19. April 2013 in der Kirche Merseburg. Eingeladen waren die Jugend des Bezirkes Halle (Saale) und interessierte Geschwister.

Drogen – Ein Problem, um das man sich in den Gemeinden kümmern muss?

Sicherlich, akut wahrnehmbar ist es anscheinend nicht. Aber die Gefahr ist real.

Der Vortrag, der zu Gespräch und Fragen animieren sollte, wurde von einem erfahrenen Therapeuten gehalten, der Mitarbeiter in der Entgiftungsabteilung einer im Harz gelegenen Klinik ist und der beide Seiten des „Drogenalltags“ – die des Betroffenen und die des Helfenden – kennt.

„Sucht – siechen – Seuche – Krankheit“; Herleitung aus dem Althochdeutschen von „suht“.

Was kann in die Abhängigkeit, zur Sucht führen? Kann man davon loskommen? Wie kann geholfen werden? Und, und, und... Fragen, die im Verlauf des Abends Antworten fanden.

In einem Fragebogen konnte jeder seine Meinung und Wahrnehmung selbst prüfen. Im begleitenden Text hieß es:

„Nahezu täglich werden wir mit dem Thema Sucht, Drogen und Abhängigkeit konfrontiert. Alltagswissen, Informationen aus der Boulevardpresse und eigene Erfahrungen können sich mischen und manchmal besteht die Gefahr, dass sich daraus Mythen über Drogen und Drogenabhängigkeit bilden, die im Arbeitsalltag handlungsleitend werden können, aber unter dem Gesichtspunkt eines fachlich reflektierten Handelns kritisch zu betrachten sind.“

Die Beantwortung des Fragebogens leitete ein in das gemeinsame Gespräch und brachte teils auch überraschende Ergebnisse. Die Diskussion darüber war sehr offen und lebensnah. Manches Klischee musste abgelegt werden.

Wenn man es will, kommt man doch davon wieder los…!

Eine sicherlich weit verbreitete Meinung. Der Referent führte dazu sinngemäß aus, dass Abhängige keine willensschwachen Menschen sind und machte sehr deutlich, dass Betroffene Hilfe brauchen. An dieser Stelle sei dem Vortragenden gedankt, dass er – insbesondere mit Blick auf das persönliche Schicksal, die eigene Abhängigkeit – sehr offen mit den Fragen der Jugendlichen und Geschwister umging und authentisch und ohne zu beschönigen antwortete.

Nach seinen Darlegungen ist das erste Jahr der Abstinenz das schwerste und wichtigste.

„Kann ich mein Bier in Gegenwart eines Alkoholabhängigen trinken?“

Auf diese Frage machte der Referent deutlich, dass die Verantwortung zum Durchhalten immer der bisher Abhängige für sich selbst trägt. Hilfe des Partners, von Freunden ist wichtig und ebnet helfend den Weg, ersetzt aber nicht das eigene Wollen. Ebenso lässt sich das Wissen um die frühere Abhängigkeit nicht ausschalten. Sich darüber bewusst zu sein, gehört in der Abstinenz zum Leben des Betroffenen. Die Treppe zur Abhängigkeit einmal hinab gestiegen, führt nicht mehr hinauf! Die Abstinenz lässt den Betroffenen den Standort lediglich „halten“.

Die Ausprägung von Abhängigkeiten ist vielseitig. Vieles konnte in der Kürze der Zeit nur angeschnitten werden. Die genetische Vererbbarkeit von Alkoholismus ist nicht endgültig nachgewiesen. Aber die Vorbildwirkung der Eltern, des Umfeldes, der Freunde, der Clique können dahin lenken.

Medikamente können abhängig machen, selbst wenn sie vom Arzt verordnet wurden.

Aus Pflanzen gewonnene oder chemisch hergestellte Rauschmittel ruinieren über kurz oder lang die Gesundheit des sie Einnehmenden.

Was kann man aktiv in seinem Umfeld gegen eine Abhängigkeit tun?

Der Referent gab Hinweise, wie beginnende Abhängigkeiten zu erkennen sind.

Die Zeit der Pubertät bestimmt in vielem, „wo es hingeht“. Wie reagiert man als Eltern, Verwandter, Freund? Überreaktionen sind genauso fehl am Platz wie das Nichtstun. Im Gespräch wurde auch hier deutlich, dass Wertevermittlung ein wesentlicher Punkt in der Entwicklungsphase eines Menschen ist – wenn das Hirn „sich neu ordnet“. Einfache Beispiele verdeutlichten die Praxis.

Eindrucksvoll, wenn nicht schockierend, waren Bilder einer Studie über Abhängigkeit von Crystal, einer chemischen Droge, die den körperlichen Verfall der Konsumenten innerhalb weniger Jahre, ja zum Teil Monate verdeutlichten. Dabei ging es nicht um Effekthascherei, sondern ganz einfach um die Verdeutlichung der Folgen! Die Betroffenen sind dem ausgeliefert!

Hinweise auf Hilfsangebote für Abhängige u n d Angehörige sowie im Umgang mit Betroffenen in der eigenen Familie ergänzten den interessanten Vortrag.

Es war sicherlich viel „Input“ an diesem Abend. Allein die reale Gefahr rechtfertigt schon die Thematisierung, um zu sensibilisieren, um Hilfsangebote aufzuzeigen und um zu ermutigen, selbst die „Hand zu reichen“, dem Nächsten beizustehen, dass er die notwendigen Schritte gehen kann.

Autor: U.B.,B.Z./Foto: B.Z: